Im ersten Moment wirkt die Chromatik-Uhr vielleicht etwas anspruchsvoll für den Einsatz in der Grundschule. Unsere Erfahrung zeigt jedoch: Das Gegenteil ist der Fall.
Im Klassenmusizieren der 4. bis 6. Klasse haben wir mit der App ein festes Ritual: Wir singen uns einmal durch die Uhr. Dabei werden die Intervalle zufällig ausgewählt, die Kinder hören genau hin und singen sie nach, und erst wenn das Intervall sicher getroffen ist, geht es weiter zum nächsten.
Im Mittelpunkt steht nicht das theoretische Benennen von Intervallen, sondern ihr Nachsingen.
Die App gibt ein Intervall zufällig vor – wie eine Uhrzeit von 1 bis 12. Die Kinder hören zu und versuchen, das Intervall direkt nachzusingen. Wenn es noch nicht stimmt, üben wir an dieser Stelle weiter. Wenn wir einmal durch sind, ist die Runde abgeschlossen. Gerade am Anfang unterstützt die Lehrkraft dabei, die gehörte Bewegung und das passende Intervall einzuordnen.
Genau darin liegt der Wert dieser Übung. Viele Kinder haben eine schöne Stimme, aber sie finden den Ton noch nicht sicher. Dann klingt das Singen oft unsauber, obwohl eigentlich viel stimmliches Potenzial vorhanden ist.
Das gezielte Nachsingen von Intervallen hilft der Klasse deshalb nicht nur beim Hören, sondern ganz grundsätzlich beim Singen.
Sehr gut funktioniert im Unterricht auch unsere einfache Rückmeldung mit ☀️ Sonne und 🌤️ Sonne mit Wolke. Die Sonne bedeutet: Das Intervall wurde direkt gefunden. Die Sonne mit Wolke bedeutet: Hier war noch ein Fehler dabei, aber wir sind auf dem Weg. Gerade beim Hörenlernen gehört das dazu. Ohne Fehler lässt sich das genaue Hören kaum entwickeln. Deshalb bleibt auch die Sonne mit Wolke ein freundliches Zeichen und zeigt: Das Wetter ist immer noch gut.
Diese positive Form der Bewertung wird von den Kindern sehr gut angenommen. Sie erleben sofort einen Unterschied zwischen sicher getroffen und noch im Üben, ohne dass Fehler hart oder entmutigend wirken.
Was dabei im Unterricht entsteht
Während wir die Intervalle nach und nach „durch die Uhr“ gehen, entstehen fast von selbst kleine gemeinsame Gespräche über Klang:
- Sind die Töne eher eng beieinander oder weit auseinander?
- Wie fühlt sich dieses Intervall an?
- Klingt es ruhig, offen, gespannt oder vielleicht etwas seltsam?
- Erinnert uns dieser Klang an etwas?
Die Kinder entdecken auf diese Weise die Intervalle hörend und singend, ohne dass die Fachbegriffe am Anfang die Hauptrolle spielen müssen.
Ein besonderer Moment: 6 Uhr
Besonders spannend ist das Intervall auf 6 Uhr: der Tritonus. Er liegt genau in der Mitte der Uhr.
Dazu kann man eine kleine Geschichte erzählen: In der Musikgeschichte wurde dieser Klang lange als besonders schwierig und auffällig empfunden. Später wurde er sogar mit dem Ausdruck „diabolus in musica“ verbunden – also dem „Teufel in der Musik“.
Historisch ist das differenzierter zu betrachten, aber für den Unterricht ist dieser Gedanke interessant: Die Kinder merken schnell, dass dieser Klang tatsächlich eine besondere Wirkung hat.
Die Rolle der Lehrkraft
Schön ist es, wenn die Lehrkraft die Kinder dabei unterstützen kann – durch Mitsingen, Vorsingen oder kleine Hilfen beim Finden des Tons.
Falls das noch nicht sicher möglich ist, können auch Instrumente dazukommen. Dann kann man gemeinsam nach dem Ton suchen. Für den Anfang ist es aber besonders wertvoll, wenn die Lehrkraft ein wenig Sicherheit gibt und hilft, die gehörte „Uhrzeit“, also das passende Intervall, gemeinsam zu entdecken.
Warum sich diese App lohnt
Die Chromatik-Uhr ist vielleicht keine einfache App auf den ersten Blick. Aber sie ist es wert, benutzt zu werden.
In sehr kurzer Zeit werden viele verschiedene Intervalle hörbar, die Klasse singt aktiv mit, und die Kinder erleben, dass Hören und Singen zusammengehören.
Genau deshalb nutzen wir diese App immer wieder im Klassenmusizieren: kurz, gezielt und mit großer Wirkung.